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Stadt Günzburg
 

Das Nassauer Denkmal

von Walter Grabert M.A., Stadtarchivar und Museumsleiter

 

Anfahrt: Folgen Sie der „Weißenhorner Straße“ stadtauswärts. Nach dem Ortsende, auf einer Anhöhe, sieht man rechts unter einem großen Baum das Denkmal. Der etwa 3,50 Meter hohe Obelisk erinnert an ein Ereignis aus dem Krieg des Jahres 1866. Außerdem hat man von dort, besonders am späteren Nachmittag, einen wunderschönen Blick auf die Silhouette der Stadt.

Im Frühjahr 1866 kam es zu Spannungen in der schleswig-holsteinischen Frage. Preußen und 17 weitere Staaten standen Österreich, Bayern, Württemberg und zehn weiteren, vorwiegend süddeutschen Staaten gegenüber. Der noch junge und erst seit zwei Jahren regierende bayerische König Ludwig II. unterschrieb am 10. Mai 1866 den Mobilmachungsbefehl. Mobilmachung bedeutete nicht nur, die tauglich gemusterten Männer einzuziehen, sondern auch, „mit Rücksicht auf die gegenwärtige Lage der politischen Verhältnisse das Vorspannwesen vorsorglich zu regeln“ und die Gemeindewege, „wenn es noch nicht geschehen sein sollte, unverzüglich in guten Zustand zu setzen.“ Die von der Stadt Günzburg innerhalb von drei Tagen erstellte und am 22. Mai dem Bezirksamt (dem heutigen Landratsamt entsprechend) vorgelegte Liste ist gleichzeitig eine Volks- und Viehzählung. In 669 Häusern leben 1.040 Familien, was 3.507 Einwohnern entspricht. Gleichzeitig wurden 182 Pferde, vier Ochsen und 346 Kühe für Vorspannzwecke gemeldet.

Zu Kampfhandlungen ist es in unserer Gegend nicht gekommen, aber nach dem Waffenstillstand (26. Juli) des nur sechs Wochen dauernden Krieges sah sich Herzog Adolph von Nassau von seiner durch preußische Truppen besetzten Heimat abgeschnitten und er bat in Bayern um Einquartierungsmöglichkeiten für seine 6.000 Mann starke Armee. Ab 14. August wurden im Gebiet zwischen Weißenhorn, Ichenhausen, Günzburg und Nersingen alle untergebracht; Herzog Adolph wohnte in Günzburg im Hotel „Zum Bären“ (Marktplatz 20). Vor dem Haus soll ein bankrott gegangener Bauer dem Herzog voller Mitgefühl gesagt haben: „Ja, ja, Eahna hat ma s’Ländle und mir da Hof g‘nomma.“ Daß er (der Herzog ist gemeint) später von den Preußen für seinen Verlust großzügig abgefunden wurde, sollte nicht unerwähnt bleiben.

Am 8. September 1866 ist die nassauische Streitmacht auf dem Bubesheimer Berg noch einmal vor ihrem Oberbefehlshaber angetreten – die Stunde des Abschieds war gekommen. Herzog Adolph verlas seinen letzten Tagesbefehl, bereitete seine Soldaten darauf vor, daß sie „Nassau von preußischen Truppen besetzt finden“ würden und ermahnte sie: „Fanget keinen Streit mit ihnen an.“ Der Text jenes Abschiedsbefehls wurde von einer Wiesbadener Druckerei als Schmuckblatt mit Porträt des Herzogs herausgebracht und hielt in vielen Familien (auch in Günzburg) die Erinnerung an diese Episode des Krieges von 1866 wach.

Das Verhältnis zwischen den Soldaten und den Einheimischen scheint sehr herzlich gewesen zu sein, denn das Kommando der Nassauischen Feldbrigade bedankte sich mit einem Inserat im „Wochenblatt für die Städte Günzburg und Burgau“ vom 12. September „für die mannigfachen Beweise freundlichen Wohlwollens“ und der Günzburger Bezirksamtmann Carl Braun erhielt, wahrscheinlich für sein geglücktes Management bei der Unterbringung und Versorgung der Truppen, das Ritterkreuz des nassauischen Militär- und Zivilverdienstordens.
Die hier geschilderte Abschiedsszene veranlaßte den königlich bayerischen Kämmerer und Major a. D., Casimir Freiherr von Gravenreuth, in der gleichen Zeitungsausgabe einen Spendenaufruf für den Bau eines Denkmals zu veröffentlichen. Ein Kostenvoranschlag von Steinmetz Edelmann war bereits eingeholt, und auch die „Subscriptions-Liste“ lag im Rathaus auf. Als erster zeichnete Bezirksamtmann Braun zehn Gulden, viele Bürger schlossen sich an, und genau drei Monate nach dem denkwürdigen Tag stand der Obelisk auf der Anhöhe neben der Straße nach Bubesheim.

Warum so viele Worte zu einer kleinen Episode der „großen“ Geschichte? Als 1890 König Wilhelm III. von Holland, der auch Großherzog von Luxemburg war, starb, wurde Adolph von Nassau durch einen Erbvertrag zum neuen Großherzog und damit zum Urahnen der heutigen großherzoglichen Familie. Ob wohl ein anderer Nassauer zum Urahn einer hiesigen Familie geworden ist? Das Wochenblatt vom 16. Januar 1867 enthielt folgendes Inserat: „Ein junger Mann, 27 Jahre alt (Geschäftsmann), der als nassauischer Soldat den Feldzug mitgemacht, für die biedern Bewohner Günzburgs die lebhaftesten Sympathien hegt, sucht ein braves Mädchen oder junge Witwe zur Lebensgefährtin. Etwas Vermögen wäre erwünscht. Strengste Discretion.“